„Unendlich dankbar“

Schwerstverletzter ukrainischer Soldat wird im DIAK-Klinikum in Schwäbisch Hall behandelt. Professor Dr. Stefan Huber-Wagner und sein Team bewahren den 18-Jährigen vor einer Armamputation

von Andreas Harthan

Der 15. Juni 2025 ist ein Tag wie viele andere an der Front: Wieder schwärmen russische Kampfdrohnen aus, um sich ihre Ziele zu suchen - ukrainische Soldaten. Eines der Opfer an diesem Tag ist Konstiantyn. Der 18-Jährige versucht zu fliehen, sich zu verstecken, aber er hat keine Chance. Das Drohnengeschoss explodiert unmittelbar vor ihm, verletzt ihn schwer am Oberkörper. Am Schlimmsten erwischt es den rechten Arm, der Ellbogen ist völlig zerstört. Die Erstversorgung erfolgte an der Front. Sechs Wochen später, bei Klinikaufnahme am DIAK liegt bei Konstiantyn ein schwerer Weichteil-, Nerven- und Knochenschaden mit einem Defekt von über 7cm Länge vor. Zusätzlich besteht bereits eine schwere und tiefe bakterielle Mischinfektion. Eine sehr komplexe Ausgangssituation.

Dass der Arm nicht amputiert werden muss, verdankt der junge Mann aus der Ukraine letztendlich Professor Dr. Stefan Huber-Wagner und seinem interdisziplinären Team der Unfallchirurgie und der Plastischen Chirurgie am DIAK-Klinikum (Chefarzt Dr. Florian Schober). 

Das DIAK-Klinikum gehört als Überregionales TraumaZentrum zu den Kliniken in Deutschland, die verletzte ukrainische Soldaten aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt weiß Konstiantyn noch nicht, welches Glück er hat. Dass er in Schwäbisch Hall gelandet ist. Dass hier Prof. Huber-Wagner arbeitet, ein international renommierter Unfallchirurg. Ein Mediziner, der über seine Arbeit sagt: „Wo andere aufhören, fange ich an.“ Für ihn sind schwerste Verletzungen Herausforderungen. Er gehört zu den Chirurgen, die offen sind für Innovationen. Davon hat er unlängst in einem Vortrag im Museum Würth in Künzelsau berichtet. Darüber referiert er regelmäßig auch auf internationalen Kongressen.

Eine dieser Neuerungen in der rekonstruktiven Unfallchirurgie ist der Segmenttransport mit Hilfe eines Fixateur externe, einem äußeren Gestänge mit dem Knochen fixiert aber auch verlängert werden kann. Diese Technik kommt zum Einsatz, wenn vom ursprünglichen Knochen wenig oder nichts mehr erhalten ist, und somit ein Knochendefekt besteht. Beispielsweise nach schweren Verletzungen, Entzündungen oder Tumoren.

Das Ganze funktioniert so: Ein noch vorhandenes Knochenstück wird vom gesunden Knochen vorsichtig getrennt und dann mit Hilfe der äußeren Haltevorrichtung ganz, ganz langsam (etwa einen halben Millimeter pro Tag) durch den Defekt transportiert, also den Bereich, in dem Knochen fehlt. Im Schlepptau des sich langsam bewegenden Knochenstückes bildet sich neuer Knochen, der Knochen wird also im Zeitlupentempo verlängert und quasi „nachgezüchtet“. Für die Rekonstruktion des Knochens stehen für den Segmenttransport an der unteren Extremität moderne, äußerlich nicht sichtbare Marknägel zur Verfügung, welche am DIAK bei anderen Patienten schon mehrfach erfolgreich verwendet wurden.

Für den deutlich kleineren Oberarmknochen bei Konstiantyn musste hingegen der Weg über die äußere Fixierung verwendet werden. Nach mehreren vorbereitenden Operationen und der Kontrolle der Knocheninfektion wurde dann das Spezialimplantat, nämlich die äußere Knochenhaltevorrichtung mit der Möglichkeit zum Segmenttransport operativ eingebracht. Zusätzlich wird ein neuartiger Knochenzement verwendet, der dabei hilft, die Infektion zu besiegen und der später in Knochen umgebaut wird.

Konstiantyn führte im Anschluss unter engmaschigen Kontrollen den eigentlichen Knochentransport mittels eines Imbusschlüssels ambulant täglich selbst durch. Dies hat über einhundert Tage in Anspruch genommen!

Konstiantyn hat Glück im Unglück gehabt. Sein Glück ist das DIAK-Klinikum in Schwäbisch Hall. Das Team um Professor Huber-Wagner hat es nicht nur geschafft, seinen rechten Arm zu retten, sondern dank des Knochensegmenttransports auch erreicht, dass sein Arm wieder teilweise funktioniert – wenn auch erheblich eingeschränkt. Der 18-Jährige kann den Arm aber doch wieder benutzen, kann beispielsweise den Arm in der Schulter bewegen, einen Stift oder eine Tasse halten oder eine Tastatur bedienen. Und, was psychologisch sehr wichtig ist: Er hat weiterhin zwei Arme. Kein Wunder also, dass er sich in einem Brief ans DIAK-Klinikum „unendlich dankbar“ zeigt für die medizinische Behandlung in Schwäbisch Hall.

Glücklich ist auch Professor Huber-Wagner. Darüber, dass „ein so krasser Fall wie Konstiantyn“ so gut ausging. Konstiantyn wird zwar den Rest seines Lebens mit einer körperlichen Beeinträchtigung leben müssen. Der Fixateur kann voraussichtlich in einigen Monaten komplett entfernt werden.

Dass er und sein Team einem Kriegsopfer helfen konnten, freut Prof. Huber-Wagner, seit 2019 Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, ganz besonders. Krieg ist für ihn „das Schlimmste“, eine „Ungeheuerlichkeit im 21. Jahrhundert“. Kriege, auch den, der gerade in Europa tobt und dem Konstiantyn zum Opfer gefallen ist, kann er nicht stoppen. Aber er kann mit seinen herausragenden chirurgischen Fähigkeiten Kriegsopfern helfen. Und das, so Stefan Huber-Wagner, „befriedigt mich zutiefst“.

 

Abbildung 1:

Der 18-jährige Konstiantyn, ukrainischer Soldat, nach erfolgter Rekonstruktion seines rechten Armes. Infolge einer schwersten Kriegsverletzung wurde ein Knochendefekt von über 7cm Länge operativ durch ein Knochentransportverfahren erfolgreich versorgt.

 

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