07. Februar 2026 SCHWÄBISCH HALL
Vortrag Dr. Helmut Harr, Chefarzt für Psychosomatische Medizin am Haller Diak-Klinikum, spricht über den Zusammenhang von Magen, Darm und Seele. Der Erhard-Eppler-Saal ist übervoll.
Von Monika Everling
Wir entscheiden aus dem Bauch heraus, etwas bereitet uns Bauchschmerzen oder wir haben Schmetterlinge im Bauch: Unsere Sprache ist voll von Bildern, die Zusammenhänge zwischen Bauch und Gefühlen zeigen. Stress führt oft zu Unwohlsein und Bauchschmerzen. Was passiert da im Körper? Und wie kann man Schmerzen lindern und die Ursachen bekämpfen?
Darüber hat Dr. Helmut Harr, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Schwäbisch Haller Diak-Klinikum, am Dienstag im Haller Haus der Bildung gesprochen. Das Interesse an diesem Vortrag im Rahmen der Diakademie ist riesig: Der Erhard-Eppler-Saal ist übervoll, sogar auf dem Flur stehen noch Zuhörende. Helmut Harr weiß: Bauchschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen, weshalb Menschen zum Arzt gehen. Und etwa die Hälfte der Beschwerden „von der Lippe bis zum Hintern“ (Helmut Harr) kann nicht körperlich zugeordnet werden.
„Es geht ums Ganze“
„Je mehr Magen-Darm-Beschwerden jemand hat, umso wahrscheinlicher ist eine seelische Ursache“, sagt Harr. Und es bestehe die Gefahr, dass die Beschwerden chronisch werden. Dass auf der Suche nach körperlichen Ursachen manchmal falsche Entscheidungen getroffen werden, gibt der Arzt zu: „Frauen wird oft die Gebärmutter entfernt.“
Sein Ansatz ist ein anderer: „Es geht ums Ganze“, also das Zusammenspiel von Körper, Seele und sozialem Umfeld. Harr, der zwei Facharzt-Qualifikationen hat und zudem Diplom-Theologe ist, betont: „Wir reden nicht von weniger Körper, sondern von mehr Seele.“ Er selbst sei „von Haus aus Internist“. Es ist ihm wichtig, dass alle körperlichen Untersuchungen gemacht werden, damit keine Krankheit übersehen wird. Aber: „Die Zusammenhänge sind oft anders, als man denkt.“ Und wenn man mit Operationen und Medikamenten nicht weiterkommt, habe man mit der Psychotherapie gute Chancen. Sokrates habe gemahnt: „Heilt mit Worten, dann mit Medikamenten, erst danach mit dem Messer.“ Harrs erste Empfehlung gegen Bauchbeschwerden ist: Musik hören.
Helmut Harr erklärt die „Hirn-Bauch-Achse“. Es handle sich um vier Verbindungen, die in beide Richtungen Informationen übermitteln. Im Mittelpunkt steht der Vagusnerv, eine Art Datenautobahn zwischen Kopf und Bauch. Weitere Elemente seien Hormone, Immun-Botenstoffe (Zytokine) und das Mikrobiom, also die Bakterien, Viren und Pilze, die den Darm besiedeln. Es gebe sowohl krankmachende Bakterien als auch Probiotika, die Krankheiten verhindern können.
Haltung macht den Unterschied
Wie kommt es nun, dass manche Menschen so sehr mit Verdauungsbeschwerden auf Außenreize wie Stress reagieren? „Manchmal sind die Filter, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, schlechter ausgeprägt.“ Dann können „katastrophisierende Gedanken“ auftreten. Die innere Haltung mache einen großen Unterschied. Von eigenen Internet-Recherchen rät er nicht ausdrücklich ab, aber sein Tonfall zeigt, dass er es nicht für hilfreich hält, sich schon vor dem Besuch der Arztpraxis auszumalen, welche schrecklichen Diagnosen herauskommen könnten.
Am Beispiel Reizdarm macht Harr klar: „Es kann vieles gereizt sein am Menschen. Auch wenn man sie nicht erklären kann: Die Beschwerden sind da“, also Schmerzen, Durchfall, Verstopfung oder Blähungen. Wenn er als Therapeut versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen, sieht er die genetischen Anlagen, aber vor allem auch das Psychosoziale: „Die Kindheit hinterlässt tiefe Prägungen.“
Was also tun? Das erste sind allgemeine Lebensstilmaßnahmen, also gesunde Ernährung, genug Bewegung und Entspannung. Die nächste Stufe ist Psychotherapie. Bei 25 Prozent der Patienten und Patientinnen werden auch Antidepressiva eingesetzt: „Diese Medikamente helfen auch dann bei der Schmerzverarbeitung, wenn keine Depression vorliegt.“ Ob er jedes Mal eine Lösung findet, wird Harr gefragt. Es kommt ein bestimmtes „Nein. Die Aufgaben des Arztes sind: manchmal heilen, häufig lindern, immer trösten.“
Info Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie erreicht man unter Telefon 07 91 / 753-48 61 oder per E-Mail an psychosomatik@diak-klinikum.de